DER ORTSVEREIN ASSELN VON 1906 BIS 1981

Asselln

DIE GRÜNDUNG

Über die Anfänge der sozialdemokratischen Ortsvereine in Dortmund wissen wir wenig. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Die bitteren Erfahrungen der Jahre 1878 bis 1890, in denen die sozialdemokratische Partei verboten war, wirkten noch lange nach. Schriftliche Aufzeichnungen über Vorgänge in der Partei wurden tunlichst vermieden. Selbst nach Aufhebung der Sozialistengesetze wurden Parteiversammlungen bis in unser Jahrhundert hinein unter allerlei Vorwänden von der Polizei verhindert. Gastwirte wurden unter Druck gesetzt, ihre Lokale den Arbeitern nicht für deren Versammlungen zur Verfügung gestellt.
Zudem wurde das preußische Versammlungs- und Vereinigungsrecht von 1850 erst 1899 aufgehoben. Durch dieses Gesetz war es Vereinen, die "bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern", verboten, "mit anderen Vereinen gleicher Art zu gemeinsamen Zwecken in Verbindung" zu treten. Dies verhinderte die Bildung einer zentralen Organisation mit Untergliederungen in den einzelnen Gemeinden. Im Reichtagswahlkreis Dortmund/Hörde gab es somit lediglich einen sozialdemokratischen Wahlverein. Der Kontakt zu den Genossen vor Ort wurde durch die örtlichen Vertrauensmänner geschaffen.
Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts bildeten sich in den einzelnen Amtsbezirken nach und nach vorerst selbständige sozialdemokratische Vereine. Man konnte sich nicht auf eine zentrale Organisation einigen. Insbesondere die Genossen des Landkreises Dortmund widersetzten sich allen Zentralisierungsbestrebungen der Parteiführung. Sie wurden in ihrer Haltung durch die Erfolge der Reichstagswahlen von 1903 bestätigt, bei denen der 1898 verloren gegangene Wahlkreis mit hohem Gewinn zurückerobert wurde. Diese Gewinne waren aber nicht in der Stadt Dortmund, sondern im Landkreis erzielt worden. Das Vertrauensmännersystem hatte sich, wie der königliche Bezirkspolizeikommissar neidvoll an den Regierungspräsidenten in Arnsberg berichtete, vorzüglich bewährt.
Im Jahre 1905 war es dann so weit: am 27. August fand in Witten eine Kreiskonferenz statt. Auf dieser Konferenz wurde unter anderem ein Organisationsstatut verabschiedet, das den Bedürfnissen der wachsenden Mitgliederzahl Rechnung trug. Das Organisationsstatut trat am 1. Januar 1906 in Kraft. Es wurde ein sozialdemokratischer Wahlkreisverein für den Reichstagswahlkreis Dortmund/Hörde gegründet. Die bestehenden örtlichen Vereine sollten sich bis Mitte Januar 1906 auflösen, um sich als Filialen - sagen - des zentralen Vereins zu konstituieren. So bildeten sich in den ersten Januartagen 44 Filialen, darunter auch die Filiale Asseln. Aus dem Beitragsaufkommen für das erste Halbjahr des Bestehens von 25,80 Reichsmark und den Einnahmen aus dem Verkauf von Karten und Abzeichen für die Maifeier des Jahres 1906 von 62,40 Reichsmark lässt sich schließen, dass die Asselner Filiale 30 Mitglieder gehabt haben muss.

UND WAS WAR VORHER?

Vier der 44 Filialen waren Neugründungen, während 40 von ihnen aus der Umwandlung bestehender Vereine hervorgegangen sind. Unter diesen 40 Filialen wird auch die von Asseln aufgeführt.
Dies müsste bedeuten, dass schon vor 1906 in Asseln ein sozialdemokratischer Verein bestanden haben muss.
Sicher ist, dass es schon vorher in Asseln eine Gruppe aktiver Sozialdemokraten gegeben hatte, die sich aus Arbeitern der Zeche Holstein und Schleswig zusammengesetzt hat. Diese Asselner Genossen gehörten jedoch zum sozialdemokratischen Verein des Amtsbezirkes Brackel, der am 25. Oktober 1903 gegründet worden war. Dieser Verein war in 5 Bezirke eingeteilt: Asseln, Brackel Nordost, Brackel Nordwest, Brackel Süd, Wambel und Wickede. 1905 umfasste der Verein 146 Mitglieder. Legt man die Beiträge, die aus Asseln eingezahlt wurden, zugrunde, müssen etwa 15 % der Mitglieder, das sind 20 bis 25 Personen, in Asseln gewohnt haben.
Diese nicht sehr große Gruppe bildete aber eine sehr aktive Zelle des sozialdemokratischen Vereins für den Bezirk Brackel. Nicht nur. dass in Asseln durch Flugblattaktionen für die Ziele der Partei geworben wurde; eine der Volksversammlungen im Wahlkreis Dortmund/Hörde zur Vorbereitung auf die Maifeier 1905 fand in Asseln statt.
Als in Brackel der Wirt Klütsch wegen seiner arbeiterfeindlichen Haltung von den Genossen boykottiert wurde, fanden die Versammlungen des Vereins überwiegend bei dem Wirt Anton Heinen in Asseln statt. Diese Gastwirtschaft befand sich am Hellweg, dort wo heute der Königreich-Saal der Zeugen Jehovas steht. In dem Bericht über die Versammlung des 15. Juli 1905 wird in der Arbeiter-Zeitung vermerkt: "Unsere Gemeindevertreter glänzten wieder durch Abwesenheit".
Außerdem existierte in Asseln ein vermutlich 1904 gegründeter Arbeitergesangverein, dessen Erfolg den Wickeder Genossen als Ansporn diente, ebenfalls einen solchen Verein zu gründen. So ein Aufruf in der Arbeiterzeitung vom 15. Juni 1905.
Am 2. Dezember 1905 veröffentlichten die Genossen aus Asseln in der Arbeiter-Zeitung den Aufruf: "Kameraden und Arbeiter, hinein in die Organisation!", um die Verschwendung von Steuergeldern durch die Gemeindevertretung zu stoppen. So verwundert es nicht, dass die Asselner Genossen bestens gerüstet waren, zu Beginn des Jahres 1906 eine selbständige Filiale, den Vorläufer des heutigen Ortsvereins, zu gründen. Ohne große Startschwierigkeiten konnte die Arbeit aufgenommen werden.

DAS ERSTE JAHR

Die neue Filiale entfaltete vom ersten Tag an eine rege Tätigkeit. Im Gegensatz zu anderen Filialen, wie vor allem im Bezirk Aplerbeck, besaßen die Genossen in Asseln mit Anton Heinen einen Gastwirt, der ihnen seit langem die Treue hielt.
Sofort im ersten Monat des Bestehens fand am 29. Januar eine Protestveranstaltung gegen das die Arbeiter diskriminierende preußische Dreiklassenwahlrecht statt. Redner war der Landesvertrauensmann für den Agitationsbezirk Westliches Westfalen, Max König. Die Arbeiter-Zeitung berichtet von 900 Teilnehmern. Eine Resolution gegen das Wahlrecht wurde einstimmig angenommen.
Auch die Februar und März Veranstaltungen am 25.2. bzw. 21.3. 1906 zeigen das Interesse der Genossen an der Auseinandersetzung mit Fragen, die die Lokalpolitik überschritten. Die Themen waren: "Moses oder Darwin" und "Das staatsrechtliche Verhältnis vor und nach (dem Revolutionsjahr) 1848".
Am 22. März veröffentlichten die Asselner Genossen wie vorher schon die Dortmunder Zentrale einen Aufruf in der Arbeiter-Zeitung, in dem die Arbeiter unter Angabe der Modalitäten zum Austritt aus der Landeskirche aufgefordert wurden. Man warf der Landeskirche vor, zu sehr mit der preußischen Herrschaftsschicht und den Vertretern des Kapitals verbunden zu sein.
Ein solcher Aufruf war in der damaligen Zeit nichts Außergewöhnliches. Einige Tage später, am 31.3.1906, forderten die Asselner Genossen alle Arbeiter auf, nur in Lokalen zu verkehren, in denen die Arbeiter-Zeitung auslag. Fünf Gaststätten wurden namentlich aufgeführt. Und wenn eine Dortmunder Brauerei Arbeiter aussperrte, wurden alle Gaststätten boykottiert, in denen Bier der betreffenden Brauerei ausgeschenkt wurde.
Der Monat März brachte die Asselner Bergarbeiter in eine schlimme Lage. Die Zeche Holstein stellte, wie die Arbeiter-Zeitung am 28.3. berichtete, "Lohndrücker aus allen Ländern Europas" ein, um der. Stundenlohn der deutschen Arbeiter herabsetzen zu können. Die Bewohner der Kolonie wurden von der Bergwerksleitung angewiesen, jeweils für 4 bis 5 der angeworbenen Männer zu kochen. Die Zeitung berichtet nicht, wie der Kampf der Bergarbeiter um ihre Arbeitsplätze ausging.
Ende November fand erneut eine gemeinsame Sitzung der Filialen des Bezirks Brackel in Asseln statt. Ein Delegierter für den Parteitag des Bezirks Westliches Westfalen in Bocholt musste gewählt werden. Die Wahl fiel auf den Genossen Schirmer aus Brackel, Mitglied der Mandatsprüfungskommission des Bezirks.
Das Ende des ersten Jahres des Bestehens der Filiale brachte unerwartete Arbeit: Am 13.12.1906 wurde überraschend der Reichstag aufgelöst und die Neuwahl auf den 25.1.1907 festgelegt. Nur sechs Wochen blieben für Organisation und Durchführung des Wahlkampfes, in dessen Mittelpunkt die Wirtschafts- und Steuerpolitik der Reichregierung stand. Diese Politik hatte eine beträchtliche Verteuerung der Lebenshaltungskosten zur Folge gehabt, worunter vor allem die Arbeiter litten.
Die Wiederwahl des sozialdemokratischen Abgeordneten Bömelburg war ungefährdet. Dank des intensiven Wahlkampfes konnte die SPD im Wahlkreis Dortmund/Hörde einen Stimmengewinn von 16,6 % verzeichnen. Da jedoch die bürgerlichen Parteien aus ihrer Niederlage von 1903, die sie der vorzüglichen Wahlkampforganisation der Sozialdemokraten zu verdanken hatten, gelernt hatten, kam es zu einer hohen Wahlbeteiligung. Der prozentuale Anteil der SPD an der Gesamtstimmenzahl im Wahlkreis sank leicht.
Für einen Ausgleich in der politischen Arbeit sorgten wie in der Vergangenheit die Zusammenkünfte des Arbeitergesangvereins "Wach Auf'. Ein bis zweimal monatlich wurde in der Gaststätte A. Heinen geprobt.
WER WAREN DIE MÄNNER DER ERSTEN STUNDE ?
WahlausweisDie schon mehrfach zitierte Arbeiter-Zeitung erwähnt als einzigen Namen den des Genossen Schlacksiack, Bergarbeiter, dessen Einsatz für die Ziele der Sozialdemokratischen Partei in einem Nachruf auf dessen Tod hervorgehoben wird. Eines kann man allerdings ohne Gefahr des Irrtums sagen: Die ersten Mitglieder der Filiale Asseln waren Bergarbeiter der Zechen Holstein und Schleswig. Einige Namen aus den ersten Jahren sind im Gedächtnis der Asselner Genossen haften geblieben, Bergarbeiter, die auch in den von der Arbeiterbewegung ins Leben gerufenen Vereinen wie dem Konsumverein, dem Reichsbanner und dem schon erwähnten Männergesangverein eine Rolle spielten, wie Wilhelm Obermeyer, Ernst Helmke und vor allem Gustav Rüping, der zu­dem bis 1933 die Aufgaben des Schieds­mannes wahrnahm. Letzterer war auch Ortsvereinsvorsitzender bis zur Machtergreifung.
Im Laufe der Jahre wuchs der Ortsverein beständig an. Aber es waren nicht mehr nur Bergarbeiter, die sich der Partei an­schlossen. In zunehmendem Masse ka­men auch Arbeiter anderer Industrie­zweige hinzu.
Während in den Anfängen die Genossen unter den Obergriffen der Polizei und der staatlichen Gewalt zu leiden hatten, begannen gegen Ende der Weimarer Republik die Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten. Am Ende stand schließlich das Verbot der Sozialdemokratischen Partei sowie auch aller anderen demokratischen Parteien, nachdem die Nationalsozialisten an der Macht waren.